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Das kennst auch du!

Ein Zimmer, ein Bett, ein Fenster, eine Aussicht, ein Traum.

Sieh an - du gehörst dazu.

 

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Bettgeschichten

Zwei Frauen reden darüber. Sie tauschen sich aus. Die Mandy und die Margot. Sie reden über Ronny und Claus. Mit denen hat man öfter mal was. Nur so. „Also, das ist total unverbindlich. Wenn ich den Ronny anrufe, hat der ja so was von immer Zeit. Der kommt gerne vorbei und dann reden wir auch nicht lange ums kalte Bier herum“, sagt die Mandy zur Margot. „Das mit dem Claus ist ähnlich“, fängt die Margot die Stricknadel der Eitelkeiten auf. „Nur trinkt der immer bloß Tee. Der studiert Kulturwissenschaften, die sind alle so ein bisschen um die Ecke, weißt du?“ – „Nee, weiß ich nicht. Meiner arbeitet ja richtig.“ – „Deiner ist aber schon noch eingeschrieben?“ – „Natürlich. 17. Semester Soziologie. Aber Hände hat der, wie ein echter Arbeiter. Der minijobbt in einem Entkernungsunternehmen.“ – „Na da weiß er ja was mit dir anzufangen.“

Beide Frauen bedienen sich aus der Nussschale. Wir befinden uns im Café Protzendorf, im Musikerviertel, wo die Nüsse noch ehrlich aus der Packung gekauft werden wollen. Am Tisch nebenan sitzt Christian von Aster vorm Koffeinregler und winkt nach der Milch. Die Kellnerin denkt sich: „Wer um diese Uhrzeit Kaffee trinkt, muss berühmt sein, hebt sich ab von der Masse usw. Aber wieso winkt der nach der Milch? Der müsste doch nach mir, der Kellnerin, winken?“ Christian von Aster denkt: „Jetzt bring mir die verdammte Milch“, und grimmt dazu ein Trollgesicht. Es ist gut elf Uhr abends durch und Ronny und Claus sind zwei Bettgeschichten. Ob sie’s wollen, ob sie’s wissen, oder nicht. Mit beiden ist keine der Frauen zusammen, gerne aber trifft man sich mit Ronny und Claus, oft genug lässt man sich ins Schwarze treffen, aber mehr ist da natürlich nicht. Im weiteren Windwechsel des Gesprächs wird das Wann und Wo erläutert, werden die Fragen, die das karge Restleben so angenehm gesprächsbereit erscheinen lassen, gestellt, beantwortet, mit Wert übergossen. Ab und zu kichert die Eine, dann die Andere. Daran hat - mit größter Sicherheit - die zur Verfügung gestellte Menge Rotwein großen Anteil.

Dann ist es endlich soweit: Es fällt das böse Wort „Bettgeschichte“ zum ersten Mal. „Also im Grunde“, sagt Margot, „ist der Claus nur eine Bettgeschichte. Mehr würde ich zurzeit einfach nicht hinbekommen. Du weißt ja, die Gefühle und das ganze Therapiegedöns, man muss ja auch selbst kucken, wo man bleibt, nicht wahr? Außerdem kann man bei diesen Bettgeschichten weiter total offen sein für alle anderen.“ – „Meinst du das jetzt so rein sexuell?“ – „Wo denkst du hin! Stell dir vor, da sind lauter süße Typen, die wollen alle mit dir knutschen. Und peng, das geht. Die knutschen also alle mit dir, einer nach dem anderen, dann ruf ich meine Bettgeschichte an und sag der, dass ich gleich vorbeikomme.“ – „Stimmt, man will ja nicht gleich mit jedem Knutscher um die Ecke.“ Großes Gelächter, Querverweis Kulturwissenschaftler.

Wir fragen uns natürlich, als Chronisten in der Nähe, ob die Margot dem Claus da nicht Unrecht tut. Er wurde der Mandy als Bettgeschichte präsentiert und wenn die Mandy den Claus mal trifft, denkt sie gleich an ein gewöhnliches Bett. Und was der Claus, der so gestylte, alte Potenztiger, darin alles mit der Margot anstellt. Und eben nicht daran, welch wundervoller Mensch er im Grunde seines Herzens ist. Sie wird nie erfahren, dass Claus seltene, asiatische Bierdeckel sammelt – und das, obwohl er nur Tee trinkt. Nein, Claus wird reduziert auf eine Schlafmöglichkeit. Auf etwas, auf das man sich legt. Auf ein Bett. Auf eine schraubenvergeigte Ikea-Katastrophe. Näher sind Form und Art des Bettes zwar nicht beschrieben - Margot könnte gemeiner sein und Claus zur Sofa- oder Schlafsackgeschichte degradieren. Jeder weiß, wie dumm es sich auf, resp. in so was schläft.

Eine Bettgeschichte zu sein, ist keine Ehre. Auch nicht mit russischen Gänsedaunendecken darauf. Armer Claus. Dabei hast du doch soviel Spaß mit der Margot. Und, wenn du’s dir recht überlegst, ist es doch die Margot, die immer die erste SMS schreibt. Mach dir doch mal einen Spaß draus und bring beim nächsten Mal einen Koffer mit. Verkünde, dass du fortan im WG-Zimmer mit der Margot wohnst. Denk nur mal an die ambulanten Fahrtkosten, die übernimmt deine Krankenkasse gewiss nicht. Dann, lieber Claus, wirst du erst zur wahren Geschichte, kannst das Bett natürlich nutzen. Keine Frage. Es wird Margot nun nicht mehr so leicht fallen, dich als Bettgeschichte zu bezeichnen. Mandy, sei eine gute Argumenthirtin und benutze in diesem Fall den unbestimmten Zeitbegriff der „Beziehungsgeschichte“ für das große Glück auf die Undauer. Denn wenn der Claus erst mal seine seltenen, asiatischen Bierdeckel ins WG-Regal gestellt hat, ist Margot längst auf der Suche nach dem Notausgang. Mandy, wir müssen dir noch danken, dass wenigstens du Contenance und Anstand genug hattest, den Ronny da verbal nicht mit rein gezogen zu haben. Frauen unter sich neigen, so weit bekannt ist, sehr dazu, immer alles gleich über einen losen Kamm zu scheren. Keine will der anderen die geringste Blöße zeigen und Männer sind, heterosexuell gesehen, nun einmal gut geeignet und gefächert für jedwede Tanztherapie im Rollstuhl, über die man sich gerne lustig machen darf. Solange man nicht selbst drin sitzt.

„Buhbuhbuh, was für ein böser Vergleich“, ruft da die Margot zum Schluss. Claus ist doch eigentlich mehr als eine Reduktionschose; diese „Tanztherapie im Rollstuhl“ dazu streng an den Haaren herbeigezogen. Aber wie ich Claus kenne, würde er bei dieser Bezeichnung rot vor Glück aus dem Hörsaal rennen und wie ein wild gewordenes Känguru um sich boxen.“

Margot, wir danken dir für diese abschließenden Worte und müssen jetzt wirklich dringend in unsere Schmelztiegel, in unsere Betten, und weigern uns erheblich mit dir um diese Ecke da zu gehen.